Streichelzoo hinter Gittern - In der Jugendhaftanstalt Neustrelitz werden junge Straftäter zu Tierpflegern ausgebildet
28.08.2006: Schwerin/MVr Das kleine Kaninchen ist gerade mal ein paar Wochen alt. Behutsam nimmt ein Tierpfleger-Azubi es aus dem Stall und zeigt es stolz.
"Das Fell ist jetzt zwar noch schwarz, aber es wird mit der Zeit heller", erläutert der 21-Jährige. Seit gut einem Jahr macht er die Ausbildung zum Tierpfleger - allerdings nicht in einem Tierpark, sondern in der Jugendhaftanstalt am Kaulksee in Neustrelitz.
Derzeit absolvieren nach Angaben der Jugendhaftanstalt sechs Häftlinge eine berufsvorbereitende Maßnahme zum Tierpfleger. Drei kommen ins zweite Lehrjahr, und weitere drei beginnen ab September ihre Lehre. Angefangen hat alles mit zwei Kaninchen aus der privaten Zucht eines Gefängnis-Mitarbeiters. Mittlerweile gibt es auf dem insgesamt 15 Hektar großen Gelände des Jugendgefängnisses einen kleinen Streichelzoo mit Schafen, Schweinen, Ponys und Ziegen. Die Kaninchenzucht umfasst nun rund 60 Tiere.
Die Langohren aus der Gefängniszucht haben schon so manchen Preis abgeräumt und ihren Pflegern sogar die Jugendlandesmeisterschaft gesichert. Ein 20-Jähriger, der ab September regulär mit seiner Ausbildung beginnt, sagt, dass er Tiere am liebsten für die Zuchtwettbewerbe vorbereitet. "Das Fell wird gekämmt, die Krallen gestutzt - ich mache das einfach gern." Warum er in der Anstalt einsitzt, will er nicht sagen: "Das tut nichts zur Sache. Es war eine Dummheit."
Der Umgang mit Tieren soll den Insassen Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl beibringen. "Wer zu einem Tier eine gute Beziehung aufbauen kann, schafft das auch bei Menschen", sagt Stefan Fritzsche, einer der Betreuer. Ein einfaches Klientel sind die derzeit 270 Inhaftierten nicht. "Die Lebensgeschichten gleichen sich häufig", erzählt Vollzugsleiterin Andrea Stozyk. Die meisten haben keinen Schulabschluss und stammen aus schlechten sozialen Verhältnissen.
Gymnasiasten finden sich so gut wie gar nicht hinter den Gefängnismauern. 60 Prozent haben eine Hauptschule, 26 Prozent eine Förderschule besucht. Nach Angaben der RAG Bildung GmbH befinden sich 194 Insassen in einer berufsvorbereitenden Maßnahme oder in einer Ausbildung. Die RAG Bildung GmbH ist gemeinsam mit dem Ausbildungszentrum Friedland zuständig für die Berufsbildung hinter Gittern.
In der Jugendhaftanstalt werden knapp 20 verschiedene Lehrberufe angeboten. Unter anderem werden hier künftige Köche, Maurer, Fahrradmonteure und Gärtner ausgebildet. Finanziert werden die berufsvorbereitenden Maßnahmen vom Arbeitsamt und mit Geldern aus dem Europäischen Sozialfonds. Während ihrer Lehrzeit verdienen die Jugendlichen zwischen 150 und 250 Euro im Monat.
Die Tierpflegerausbildung macht den Jugendlichen besonders Spaß. Gatter, Verschläge und Ställe - alles haben sie selbst gebaut. Die Arbeit scheint auch in puncto Sozialverhalten Früchte zu tragen. "Da drüben, der Bock, ist jetzt alleine angebunden, weil er Mist gebaut hat", erklärt einer der Tierpfleger in Ausbildung. Der Schafsbock habe erst mit seiner Herde einen Ausbruchsversuch gestartet und dann auch noch randaliert. Dabei seien einige Gatter in Mitleidenschaft gezogen worden. "Wenn er so etwas macht, muss er eben in Einzelhaft", findet sein Pfleger.
Die meisten Tiere wurden der JVA geschenkt. Einige von ihnen wurden misshandelt und zum Aufpäppeln nach Neustrelitz gebracht. Pony Björn kam nach einer Beschlagnahmung wegen Tierquälerei ins Gefängnis. "Da war noch eine Stute dabei, aber die hat es nicht überlebt", erzählt Fritzsche. Einer der Insassen sagt: "Der Björn hat viel mitgemacht, und das merkt man ihm an, aber hier bei uns geht es ihm jetzt gut."
MVr Landesdienst mv/sn
