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Kommentar - Schweinegrippe es geht nicht nur um die Gesundheit

16.09.2009: Rostock/MVregio Sogenannte Schweinegrippe verläuft bisher mild - trotzdem soll wohl flächendeckend geimpft werden.

Kaum ein Thema hatte im Sommerloch so viel Präsenz in der Presse wie die Schweinegrippe - ausgenommen vielleicht die Dienstwagenaffäre von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), die Geburtstagsparty von Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Kanzleramt und das externe Gutachten von Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU).

Das Grippe-Thema hat seine Berechtigung. Schließlich geht es um die Gesundheit der Bevölkerung - und es geht um sehr viel Geld; für Krankenkassen, Versicherte und Steuerzahler auf der einen Seite, sowie die Pharmaindustrie auf der anderen.

Auslöser für die weltweite Hysterie dürfte unter anderem ein Radiointerview am 1. Mai gewesen sein. Darin bezeichnete Prof. Sir Roy Anderson als Berater der britischen Regierung die Fälle von Schweinegrippe als Ausbruch einer Pandemie. Die "Daily Mail" berichtete allerdings im Juli, dass der Regierungsberater seit Jahren mit einem Gehalt von 135.000 Euro im Solde der Firma "GlaxoSmithKline" (GSK) steht - ein Pharmaunternehmen. Die Aktien dieses Impfstoffherstellers sind unmittelbar nach Pandemie-Ausrufung erheblich gestiegen.

Am 11. Juni erklärte Margaret Chan, Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf, die Schweinegrippe zur Pandemie. "Chans Verhältnis zur Pharmaindustrie ist nicht unumstritten", schreibt der Antikorruptionsverein "Transparency International" (TI).

Die Bundesregierung hat 50 Millionen Dosen Impfstoff gegen die Grippe bei GSK im Wert von 700 Millionen Euro bestellt. Die Zeche zahlen gesetzlich Krankenversicherte und die Steuerzahler: Jeweils die Hälfte haben Krankenkassen und der Bund zu tragen. Experten gehen diesbezüglich mittlerweile von einer Erhöhung der Kassenbeiträge im kommenden Jahr aus.

Den Impfstoff soll es ab Oktober geben. Noch läuft das Zulassungsverfahren. Und auch das ist umstritten. Kritiker sprechen vom bisher "größten Menschenversuch" in Deutschland. Die Zulassung des Impfstoffs erfolgt durch die europäische Zulassungsbehörde EMEA, deren Arbeitsweise TI ebenfalls kritisiert. Das Budget der EMEA würde zu 65 bis 70 Prozent von der Pharmaindustrie finanziert.

Der jetzt in Europa vorbereitete - nicht zuvor klinisch erprobte Impfstoff - sorgt nicht nur wegen des Gehalts an unzureichend erprobten Impfverstärkern für Bedenken. Insbesondere bei der Anwendung an Kindern und Schwangeren sieht man große Risiken, weil der Impfstoff das inzwischen überholte quecksilberhaltige Konservierungsmittel Thiomersal enthält. Außerdem gibt es bisher keine Langzeitstudien.

In Deutschland gilt die Notwendigkeit der Impfung bei vielen als umstritten. Bisher war der Verlauf allgemein mild, die "normale Grippe" wird als erheblich gefährlicher eingestuft. Das Schweriner Sozialministerium meldet (Stand: 14. September) 150 Schweinegrippe-Fälle in M-V, zwölf sind bisher in Rostock bekannt. Die Mehrzahl der Patienten ist männlich (55 Prozent). Die 18- bis 25-Jährigen sind am meisten betroffen (55 Prozent). Entwarnung für die Älteren: Keine Fälle wurden bisher bei den über 65-Jährigen registriert. Ministeriumssprecher Arne Boecker: "In der Regel verliefen die gemeldeten Fälle mild. Es gibt keine Todesfälle in M-V."

Trotzdem ist davon auszugehen, dass die Lobbyarbeit für den Impfstoff in den nächsten Wochen zunehmen wird. Schließlich hat man in Größenordnungen bestellt und es muss bezahlt werden.

Sollte der Virus nicht mutieren - was passieren könnte - so scheint die Impfung bei aktuellem Stand keine Labsal für die Gesundheit zu sein. Für die Patienten bleibt wohl als entscheidende Frage: Wie groß ist die Angst?

MVregio Gastkommentar Chr.Müller

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Artikel erstellt: 16.09.2009, 17:04, 4185 Anschläge

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