Notstand bei Bücherbussen - Kommunen sparen an Bibliotheken
10.07.2007: Pokrent/Greifswald/MVregio Der blaue Bus gibt Stoff - Lesestoff für Bücherwürmer auf dem Lande.
An der alten Kastanie, der Haltestelle des Bücherbusses im Dorf Pokrent vor den Toren Schwerins, klettern zwei Schüler und ein Rentner in das Fahrzeug, um sich für den Sommer mit Büchern, Kassetten, CDs und Spielen einzudecken. Allerorten in Mecklenburg-Vorpommern sind insbesondere die rollenden Büchereien in die Jahre gekommen. Technik wie auch Literatur haben laut Bibliotheksverband nur wenige Neuerungen erfahren. Ein großer Teil der Kundschaft ist den Kinderschuhen entwachsen und rar geworden.
"Is ruhig heut", stellt Gabriele Gramenz betrübt fest. Die Bibliothekarin begleitet den Bücherbus auf neun Routen mit noch 48 Stationen in Nordwestmecklenburg. Seit Jahren sinkt die Zahl der Haltepunkte. Immer mehr Gemeinden würden den Zuschuss für den blauen Bus sparen und somit auch nicht mehr angesteuert, erklärt eine Sprecherin des Landkreises. 2008 trifft es den Schulstandort Lützow sowie Perlin, den Geburtsort des Schriftstellers Heinrich Seidel (1842-1906). "Das Bibliothekensterben im Nordosten geht weiter, ein Ende der Fahnenstange ist nicht in Sicht", konstatiert Peter Wolff, Geschäftsführer des Bibliotheksverbandes in Greifswald.
Vor zehn Jahren verzeichneten landesweit noch 222 Leihbüchereien mehr als 252 000 Leser sowie über acht Millionen Entleihungen der 3,3 Millionen Medien, listet die Fachstelle Öffentliche Bibliotheken in Rostock auf. 2006 hingegen gab es demnach nur noch 154 Bibliotheken, 170 000 Nutzer und sechs Millionen Entleihungen bei 2,8 Millionen Büchern, Zeitschriften und Tonträgern. Allein in den vergangenen fünf Jahren machten in Mecklenburg-Vorpommern 20 Einrichtungen dicht, davon sechs mobile Bibliotheken. Schuld an der Misere sei nicht eine schwindende Leserschaft, sondern die Finanznot der Kommunen, betont Wolff.
Immer wieder gekürzte Etats - so könnten einfach nicht genügend neue Bücher gekauft werden, meint der Verbandschef. Bestseller fehlten oft in den Regalen der öffentlichen Ausleihen, auch in denen mit festem Standort. "Aktuelle Medien können wir kaum bieten", bestätigt Gudrun Czarnowski, Leiterin der Stadt- und Kreisbibliothek Pasewalk (Uecker-Randow). Für die Ausstattung ihrer Fahrbücherei etwa stünden ihr jährlich höchstens 4600 Euro zur Verfügung.
So gehen den rollenden Bücherregalen, den mitunter einzigen kulturellen Treffpunkten auf dem flachen Lande überhaupt, peu a peu die Gäste aus. Nach Angaben der Fachstelle in Rostock fahren in Mecklenburg-Vorpommern nur noch sechs Bücherbusse - in Neubrandenburg sowie den Kreisen Bad Doberan, Müritz, Nordwestmecklenburg, Nordvorpommern, Uecker-Randow - über Land. 1996 waren es noch 16. Die Zahl der Nutzer sank auf insgesamt 4800, die sich an landesweit noch 365 Bus-Stopps alle zwei bis vier Wochen mit Les- und Hörbarem versorgen können.
Während beispielsweise in Nordwestmecklenburg 2006 immerhin jeder zehnte Einwohner Bücherbusleser war, nutzten in Nordvorpommern und Uecker-Randow nur noch ein bis zwei von hundert Bürgern die Fahrbücherei. Gudrun Czarnowski aus Pasewalk wundert das nicht. "Auf manchen Dörfern wohnen doch nur noch ein paar alte Leute." Dort halte der Bus allenfalls zehn Minuten. Kinder, die drei Viertel der 520 Busleser an 80 Haltestellen Uecker-Randows ausmachten, gebe es auch dort immer weniger, sagt die Bibliothekschefin. Schulschließungen seien an der Tagesordnung. Die weiten Wege zum Unterricht täten ihr übriges, dass den Kindern kaum mehr Zeit und Raum bliebe für den "Luxus Literatur".
MVregio Landesdienst mv/hgw
