85 000 Analphabeten in MV - Zahl hält sich hartnäckig
07.09.2008: Schwerin/MVregio Schätzungsweise 85 000 Erwachsene in Mecklenburg-Vorpommern können nicht lesen und schreiben, und die Zahl hält sich hartnäckig.
Jährlich besuchten etwa 1000 Teilnehmer die 115 angebotenen Kurse, sagte Marion Buhl vom Volkshochschulverband Mecklenburg-Vorpommern in einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur dpa zum Weltalphabetisierungstag am 8. September. "Wenn man bedenkt, wie viele Analphabeten es hier gibt, wird deutlich, dass wir nur einen kleinen Kreis erfassen." 90 Prozent aller Kurse würden von den Volkshochschulen angeboten.
Nach Angaben von Buhl gibt es in Deutschland - anders als etwa in Entwicklungsländern - fast ausschließlich sogenannte funktionale Analphabeten. Diese können weder ein Formular ausfüllen noch eine Zeitung lesen, obwohl sie eine Schule besucht haben. "Sie erfüllen die Mindestanforderungen unserer Gesellschaft nicht. Vor hundert Jahren hat es noch gereicht, seinen Namen schreiben zu können. Doch heutzutage haben wir ständig mit Schriftsprache zu tun." Aus diesem Grund sei es auch so schwierig, die Betroffenen auf Förderkurse aufmerksam zu machen. "Jemand, der nicht lesen kann, kann kaum auf Aushänge oder Anzeigen reagieren."
Andreas Brinkmann, Leiter des Projekts "Auf Ausbildung und Arbeitswelt vorbereiten" beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung, kennt das Problem. Die Zahl der Analphabeten in Deutschland sei mit 4 Millionen seit Jahren konstant. Förderkurse besuchten derzeit etwa 25 000 Menschen. "Das sind 0,6 Prozent der geschätzten Analphabeten", sagte er. Anlass für den Besuch eines Kurses sei häufig Leidensdruck der Betroffenen, weil es im Job, in der Beziehung oder in der Familie zu Problemen komme.
Mit der Gründung einer Stiftung will der Verband Analphabeten besser unterstützen. "Wir wollen Bund, Länder und Unternehmen ins Boot holen", kündigte Geschäftsführer Peter Hubertus an. Zum Internationalen Weltalphabetisierungstag an diesem Montag soll die erste deutsche Stiftung ("Alfa-Stiftung") zur Alphabetisierung ihre Arbeit aufnehmen.
"Überall in Deutschland gibt es Analphabeten", sagte Hubertus. In den vergangenen Jahren hätten die ostdeutschen Bundesländer im Fokus der Bemühungen des Bundesverbandes gestanden. "Inzwischen deckt sich die Landkarte geringer Grundbildung eher mit der Karte der Arbeitslosigkeit." Je höher die Arbeitslosenquote in einer Region, desto größer seien auch die Probleme mit Analphabetismus. Gerade bei langfristig Arbeitslosen würden Schreib- und Lesefähigkeiten nicht mehr gefordert. "Es ist möglich, dass diese Menschen zu Analphabeten werden und keinen Job mehr bekommen", beschrieb Hubertus einen Teufelskreis.
Nach Angaben von Buhl gibt es auch einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Analphabeten und der Zahl der Jugendlichen, die ohne einen Abschluss die Schule verlassen. "Steigt die Zahl der Jugendlichen ohne Abschluss, ist anzunehmen, dass auch die Zahl der Analphabeten steigt." Im vergangenen Jahr hätten immerhin 10,6 Prozent der Schüler in Mecklenburg-Vorpommern, die von der Schule gingen, keinen Abschluss gehabt, gab sie zu bedenken.
Der Volkshochschulverband arbeite derzeit an der Entwicklung eines Computerlernspiels für Analphabeten mit, das von 2009 an in den Kursen der Volkshochschule erprobt werden soll. An dem Projekt "Alphabit" seien der Deutsche Volkshochschulverband in Bonn, das Fraunhofer Institut für grafische Datenverarbeitung Rostock und das Deutsche Institut für Erwachsenenbildung in Bonn beteiligt. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert das Projekt.
Neben der neuen Software gibt es auch eine überarbeitete interaktive Plattform www.ich-will-lernen.de für anonymes Selbstlernen. Inzwischen sei es möglich, auf der Seite auch Rechnen zu lernen, oder sich auf Bewerbungsgespräche vorzubereiten. "Wir haben eine sehr hohe Nutzerzahl", sagte Buhl. Auch das "Alfa-Telefon" werde rege für Beratungsgespräche genutzt.
Am 8. September soll der Internationale Alphabetisierungstag auf das weltweite Problem aufmerksam machen. Immerhin können nach Angaben von Buhl weltweit 862 Millionen Menschen nicht lesen und schreiben.
MVregio Landesdienst mv/b
